Buchrezension “Auf der Überholspur”, Herbert Cordt (Hrsg.)

“Auf der Überholspur”, herausgegeben von Herbert Cordt. Wien: Molden Verlag, 2015.

Im folgenden ist eine Rezension des Buches “Auf der Überholspur”, welches die österreichische Wirtschaftsgeschichte mit Gesprächen mit namhaften Industrietitanen, Bankiers und Spitzenpolitikern beleuchtet. Das Buch ist im Handel erhältlich, zB Amazon.

  1. Die politischen und wirtschaftlichen Anführer sind natürlich allesamt österreichische, weiße, alte Männer und andere demographische Schichten sind da nicht eingebunden. Das könnte sich mit einem höheren Frauen- und Migrantenanteil bald ändern, obwohl wir noch wenig Bewegung in die Richtung sehen.

  2. Parteipolitik und Proporz haben damals eine größere Rolle gespielt als heute. Aber wie richtig angedeutet wurde sind mit Privatisierungen seit den 1990er Jahren gewaltige Gestaltungsspielräume durch den Staat eingeschränkt. In Zeiten der schlechten Beschäftigungsquote bräuchten wir zB mehr öffentiche Investitionen und Bedienstete, aber die werden aus Wettbewerbsgründen und Budget-Maastrichtkriterien natürlich nie in Erwägung gezogen.

  3. Eine Rückkehr zur geschichtlich starken staatlichen Industrie wird es aber bis auf weiteres nicht geben, weil die Verstaatlichung selbst aus den Wirren der Nachkriegszeit, also Schutz vor sowjetischer Beschlagnahmung und Wiederanschluss an Deutschland, entstanden ist. Es will außerdem niemand die Fehler der VOEST Alpine in den 1980er Jahren wiederholen.

  4. Wenn es nun also um die Zukunft der österreichischen Industrie geht, kann man aber auch nicht alles auf die Regulierungswut der staatlichen Bürokratie abwälzen, wie das die Industrietitane behaupten. Was keiner von denen zugeben möchte ist zB dass die hohen Lohnnebenkosten nicht nur Investitionen abschrecken, sondern auch die soziale Sicherheit herstellt ohne die kein Unternehmer sicher wirtschaften kann. Erstens würden die Märkte zusammenbrechen, wenn arbeitslose Menschen keine Mindestsicherung mehr kriegen oder sie durch Selbstbehalte in der Gesundheitskasse mehr Geld für ihre Arztbesuche ausgeben müssten, sollten sozialstaatliche Maßnahmen tatsächlich gekürzt werden. Zweitens, wird es vermutlich eine Revolution geben, wenn es den einfachen Leuten zu schlecht geht.

  5. Die Bankenbosse behaupten, dass die Baselregelungen die Kreditwirtschaft abwürgen und künftige Investitionen in Betrieben und Arbeitsplätzen schwäche. Was sie nicht erwähnen ist, dass durch niedrigere Kapitalvorschriften die Gefahr für eine Kreditblase doch erst einmal entstanden ist, wie die milliardenschweren Verluste der Bawag Bank oder Hypo Alpe Adria beweisen. Eine platzende Kreditblase erzeugt noch schwerere Verluste für die heimische Volkswirtschaft, zumal die Banken jedes Mal wieder beim Steuerzahler neue Kredite bekommen.

  6. Ich finde man muss einsehen, dass die Phase des rapiden Wirtschaftswachstum in Österreich vorbei ist. Natürlich kann es sein, dass durch irgendein technologisches Wunder, wie die Entwicklung alternative Energie, ein neuer Wachstumsschub entsteht, aber es ist doch nicht verwunderlich, dass mehr Arbeitsplätze abwandern, wenn die Infrastruktur hier schon so gut ist und der Markt übersättigt ist. Um ein absurdes Beispiel herzunehmen: wieso sollen die Leute 4 Käsekrainer essen, wenn 2 pro Mahlzeit ausreichen? Siemens selbst sagt zum Beispiel dass der Wachstumsmarkt noch in Asien, Lateinamerika und vielleicht nocht Ost- und Südosteuropa zu finden ist. Sie brauchen noch Maschinen, Bahngleise, Flughäfen, Strommasten, Kanalsysteme etc. Sobald sie ihre Infrastruktur aufgebaut haben, wächst deren Wirtschaft auch langsamer.

  7. Die Industrietitane sind viel zu optimistisch über die Aussichtschancen für die Industrie 4.0 oder Internet of Things und die ganzen anderen Technologien. Ich glaube das Riesenproblem ist nicht die Furcht, dass diese riesigen Investitionen keinerlei Produktivitätssteigerung und daher weiteren Wirtschaftswachstum zulassen. Die große Furcht ist eher, dass mehr Arbeitsplätze zerstört werden als geschaffen werden und nur mehr ganz wenige Menschen davon profitieren werden (siehe Mark Zuckerbergs Facebook oder Bill Gates Microsoft und deren riesige Privatvermögen). Hannes Androsch glaubt wir lösen das Problem durch mehr Training und Ausbildung, was ich für Schwachsinn halte. Lacina hat recht, dass wir bald ein riesiges Unterbeschäftigungsproblem haben werden. Für die junge Generation ist eine fixe Anstellung schon längst nicht mehr „normal“ bzw. realistisch. Der Hans Peter Martin hat eine künftige Gesellschaft ja als Tittytainment bezeichnet, eine moderne Form von Brot und Spielen. Da schreiben selbst die Autoren am Ende, dass „die Mehrheit… kaum sinnvolle Arbeit“ findet und daher müssten sie „um Gefahren der Langeweile und Sinnlosigkeit zu vermeiden, mit Unterhaltung beliefert und finanziert werden“ (S. 305).
  8. Um aus der wirtschaftlichen Misere rauszukommen müsste man eigentlich über ein völlig neues Gesellschaftsmodell nachdenken, wo der Wachstum nicht notwendig ist um den sozialen Frieden aufrechtzuerhalten (der jetzt ja notwendig ist, weil er mit den Arbeitsplätzen und Investitionen zusammenhängt). Das müssten wir der Umwelt zuliebe schon Ernst nehmen. Wir brauchen zB ein bedingungsloses Grundeinkommen, das hoch genug ist, damit die Leute davon leben können. Damit wird der Druck am Arbeitsmarkt abgebaut. Gewinne müssten höher besteuert werden. Die Profitrate im Privatsektor wird wahrscheinlich abgesenkt, also werden mehr öffentliche Investitionen notwendig sein. Ein kleines Land wie Österreich kann das natürlich nicht allein umsetzen und man muss daher eine europäische oder gar internationale Bewegung entwickeln. Ich behaupte nicht, dass wir so etwas zu unseren Lebzeiten erreichen können, aber ich möchte zumindest einmal eine Konversation entfachen, die den heutigen Industrietitanen weitaus über ihren Köpfen wächst. Nur so kann man noch von einer anständigen Zukunft reden.

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