Essay über Konkurrenz und Wettbewerb

Man müsste sich überlegen warum einige Bevölkerungsgruppen erfolgreicher sind als andere. Erfolg darf am materiellen und sozio-kulturellen Reichtum einer Gesellschaft gemessen werden. Die Antwort liegt nicht nur in der Bereitstellung materieller Ressourcen, eine angenehme geographische und politische Lage, sondern in den sozialen Bedingungen, die in gewissen Teilen der Erde vorherrschten. Das Prinzip des Wettbewerbs ist entscheidend.

In der menschlichen Geschichte hat es stets hervorragende Gesellschaften gegeben, wie der US-Biologe Jared Diamond in seinem Buch “Guns, Germs and Steel”1 beschreibt, die eindrucksvoll vom geographischen Glück und der Entwicklung der Landwirtschaft profitiert hatten. Das betraf die Europäer wie die Asiaten. Die Wiege der Landwirtschaft und der entscheidenden menschlichen Weiterentwicklung lag in dem als “Fertile Crescent” bekannten Nahen Osten, dem die Sumerer und später Babylonier zugrundelagen. 2 In Folge der Eiszeit bot der Fertile Crescent ein angenehmes Klima und eine Bodenkultur mit Nutzpflanzen und -tieren. Die Entwicklung der Landwirtschaft darf in ihrer Folgewirkung auf keinen Fall unterschätzt werden. Unter einem landwirtschaftlichen System konnten erstmals Nahrungsüberschüsse erzielt werden. Einige waren besser fähig diese Innovation für sich auszunützen also andere, was dem Prinzip des Wettbewerbs entspricht. Es gab also sobald Großbauern, die von der Subsistenz- zur Profitwirtschaft übergegangen sind und mehr Land kontrollieren konnten. Solch ein landwirtschaftliches System löste den Traum einer klassenlosen Gesellschaft in Luft auf, denn nun war es notwendig Regierungsbürokraten und Monarchen an die Macht zu stellen, um die selbständig lebende Bevölkerung effektiv zu verwalten. So eine klassenbezogene Vormachtstellung konnte nur in einer Gesellschaft aufkeimen, die die Grundbedürfnisse jener Gesellschaft mehr als ausreichend erfüllen konnten, sprich Nahrungsüberschüsse zu erzielen. In einer Jäger- und Sammlergesellschaft wäre es unvorstellbar, dass es einen prunkvollen Monarchen gegeben hätte, der sich wie Ludwig der XIV. auf Staatskosten Luxuspaläste erbauen ließ und exzessive Parties des Hochadels schmiss. 3 Jede Person in solch einer Jägergesellschaft war verpflichtet gewesen das Überleben der eigenen Familie und sich selbst sicherzustellen. Jeder Gedanke an die Entwicklung von Porzellan, Schießpulver oder Metalle wäre unmöglich gewesen. In diesem Naturzustand, so beschrieb bereits der englische Staatsphilosoph Thomas Hobbes, war das Leben “solitary, poor, nasty, brutish and short.” In einer landwirtschaftlichen Gesellschaft war es aber möglich, dass ein paar hofnahe, intelligente Menschen beeindruckende Erfindungen zur Erleichterung des allgemeinen Lebens beigetragen haben. Wer würde schon die Wichtigkeit Thomas Alva Edison’s Glühbirne oder die Erfindung des Telefons in Zweifel ziehen? Marginalisierte Gesellschaften wie die Aborigines in Australien oder die Khoisan in Südafrika hatten nicht die Möglichkeiten das Wissen um die Landwirtschaft zu erlangen und hatten ebenfalls kaum Nutzpflanzen und Nutztiere zur Verfügung gehabt, die für eine landwirtschaftliche Bewirtung unabdingbar war. Doch ihre Unterdrückung durch andere Völker fand noch nicht statt. Die dominanten Kulturen bekämpften sich zunächst untereinander bevor sie die Technologie entwickelt hatten um die Welt bis zum letzten Winkel zu bereisen.

Allmählich verbreitete sich das Wissen um die Landwirtschaft gen Westen nach Europa und Nordafrika und gen Osten nach Asien. Es entwickelten sich also weitere Hochkulturen wie das babylonische Großreich im Mittleren Osten, die chinesische Hochkultur im Fernen Osten und die ägyptische Hochkultur. Anschließend verschoben sich die Machtverhältnisse gen Norden nach Europa, zunächst nach Griechenland, welches unter Alexander dem Großen eine massive hellenistische Expansion erzielen konnte, später in das Römische Reich, das unter Kaiser Tiberius die größte Expansion erlebte. Das antike Griechenland und Rom wiesen bereits auf die koloniale Ausrichtung der europäischen Mächte seit etwa 1500 (mit Ausnahme der Wikinger, die bereits zuvor schon Meeresstreifzüge durchgeführt hatten).

Doch diese koloniale Expansion sollte erst viel später kommen. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches herrschte in Europa ein dunkles Zeitalter vor (Mittelalter), das die weitere Entwicklung durch die Rechtfertigung der christlichen Religion und dem absolutistischen Paternalismus erheblich behinderte. Das aufgeklärte Wissen musste im Oströmischen Reich, das im Gegensatz zum Westlichen Reich bis 1453 hielt, konserviert werden, um die Renaissance zu ermöglichen. Europäische Erfindungen wie die Schiffsfahrt oder Schusswaffen und innere ethnische und religiöse Rivalitäten ermöglichte es die Europäer andere Kontinente unter den Nagel zu reißen, um deren Bodenschätze und Einwohner schonungslos auszubeuten. Hierbei dürfte das Argument des Wettbewerbes entscheidend gewesen sein. Der wirtschaftliche oder militärische Vorteil einer europäischen Nation bedurfte einem ausgeklügelten Machtausgleich durch Verhandlungen mit anderen Nationen oder eigene Eroberungen/Erfindungen. 4 Die Erfindung des Maschinengewehrs, das im Ersten Weltkrieg heftig eingesetzt wurde, beispielsweise, zwang die Heerführer auf beiden Seiten ihre Strategie der lang aufgereihten Formationen aufzugeben, weil sie auf offenem Feld dem Maschinengewehrfeuer leicht zu Opfer gefallen wären, was selbst mit ungeordneten Infanterieformationen der Fall gewesen wäre.

Beim Kolonialismus wurden natürliche Trennlinien der Kultur, der wirtschaftlichen Macht, der Religion, aber vor allem der Hautfarbe bzw. der Rasse hemmungslos zur Rechtfertigung eines Festhaltens an sozialdarwinistische Grundsätze und einer ausbeuterischen Politik der Kolonialisten ausgenützt. Den weißen Machthabern war hierbei klar, dass ein Verzicht auf Machtausübung aus humanitären Gründen- wie es Europäer heutzutage aus Leidenschaft (und Gewissensbereinigung im Wissen um ihre vergangenen Fehltaten)- zu einer massiven Gefährdung des eigenen Herrschaftsanspruchs geführt hätte, weil die innereuropäische Konkurrenz die Schwäche eines einzelnen Nationalstaates wie etwa Frankreich, Großbritannien, Spanien, Belgien oder Deutschlands schamlos ausgenützt hätte. Beispiel: Hätte Großbritannien aufgrund humanitärer Erwägungen (Sklaverei und Rohstoffraub sind unmoralisch etc.) freiwillig die wirtschaftliche Vormachtstellung innerhalb Europas und der Welt aufgegeben, wäre Franklreich sicher bereit gewesen sich Indien zu schnappen, die Deutschen hätten die afrikanischen Besitztümer der Briten einverleibt, Spanien hätte Kanada und Australien rekolonialisiert- diese Maßnahme hätte nicht nur wirtschaftlich katastrophale, sondern auch politische und soziale Auswirkungen gehabt. Wirtschaftsmacht ist gleich politische Macht. Es hätte also nicht lange gedauert bis die Engländer verhungert wären und ihre Regierung gestürtzt hätten (mit Oliver Cromwell’s Machtergreifung in 1653 lässt sich erkennen, dass die Engländer keine Scheu davor gehabt hätten). Die Franzosen, die schon immer neidvoll über den Atlantik geschielt hatten, hätten eine Invasion auf die britischen Inseln im Moment ihrer Schwäche gestartet.

Es dürfte also eine allgemeine Weisheit sein, dass Konkurrenz nunmal ein gegenseitig motivierendes Konzept ist, das den Level der Technologie, der Innovation, und damit den Wohlstand und die Wertschöpfung einer Nation anhebt. Dass die daraus entstehende ökonomische Ungleichheit, welche politische Spannungen zwischen den Besitzhabenden und Nicht-Besitzhabenden erzeugt, wie Karl Marx eindrucksvoll beschrieben hatte 5, zunimmt, sollte außer Streit gestellt werden. Um bei dieser kontraintuitiven Konstellation allgemeine Zustimmung herzustellen, bedien(t)en sich die Machthaber in Adel, Wirtschaft, Politik und Militär normalerweise den Strukturen der Ablenkung, um die einfachen Bürger in ständiger Agitation gegen falsche Sündenböcke (in heutiger Zeit vor allem gegen Ausländer und Andersdenkende), die Lobpreisung unwichtiger Oberflächlichkeiten (wie zum Beispiel Mode oder sportliche Wettkämpfe) oder in schlichter Unwissenheit (wie es damals häufig der Fall gewesen ist, weil Bildung für die breite Masse überhaupt keine Rolle gespielt hatte) zu behalten. 6

Zeitsprung zum Jahr 1991. Der über 46 Jahre andauernde West-Ost-Konflikt, der als Kampf der Ideologien Kommunismus vs. Kapitalismus bezeichnet wurde und als zufälliges Nebenprodukt des Zweiten Weltkrieges entstanden war 7, war plötzlich vorbei. Der Kapitalismus und somit das Leitbild des freien Wettbewerbes hatte scheinbar den Sieg errungen. Der Vorsicht im Westen vor dem zusammenbrechenden kommunistischen Regime in Russland war Hoffnung und Freude gewichen. Nicht nur die Sowjetunion gestand ihre Bankrotterklärung ein und liberalisierte das Land schlagartig (was zur eigentümlichen Austausch von despotischen KP-Bürokraten mit despotischen staatsnahen Oligarchen geführt hatte). Selbst China, ein anderes gewaltiges kommunistisches Land, hatte zuvor unter der Führung Deng Xiaopings von einer wirtschaftlichen Liberalisierung- ebenfalls unter dem Banner staatlich gelenkter Veränderung, aber mit kommunistischer Beibehaltung der Macht- profitiert, womit Marx’ kommunistische Traumvorstellung durch wirtschaftliche Stagnation geringe konsumprodukt-gesteuerte Nachfrage, fehlende Innovation und ein Festhalten an Schwerindustrie und Militär, während die Bürger obgleich der kompletten Gleichheit unter permanentem Ressourcenmangel und ständiger politischer Beobachtung der Regierungsbehörden gelitten hatten- eine endgültige Absage erteilt wurde.

In dem kurzen Moment, indem die USA sich als alleinige Supermacht gesonnt hatte, schrieb der US-Politologe Francis Fukuyama voreilig vom Ende der Geschichte, in der die liberale Demokratie und der westliche Kapitalismus als Leitbild der Welt angepriesen wurde. 8 Würde sich ab sofort jedes Land und jede Gesellschaft auf der Erde danach richten? Der Zusammenbruch des Kommunismus hatte diese Hoffnung nahe gelegt. Neulich verkündete sogar das kommunistische Kuba unter dem Druck der Wirtschaftskrise eine halbe Millionen öffentliche Bedienstete zu entlassen, um damit den Weg frei zur Schaffung von privaten Arbeitsplätzen zu machen. 9

Das Gesamtergebnis dürfte verständlicherweise irgendwo in der Mitte liegen. Während China, Indien und Südamerika große Wachstumsraten verzeichnen und sich das Momentum der Hoffnung zunutze machen 10, macht sich im Nahen und Mittleren Osten, welches ausreichend Nährboden für den Hass gegen die westlichen Einmischer im Irak, Afghanistan und sonst wo im Nahen und Mittleren Osten mitbringt, der sich in terroristischen Aktivitäten teilweise materialisiert. 11 Afrika hingegen bleibt immer noch das Armenhaus der Welt, wo Krankheit, Korruption, politische Instabilität und ausländische Mächte (nicht in Form direkter Kolonialherrschaft, aber via Finanzinstrumente, westlichen- neulich auch chinesischen- Großunternehmen und internationalen Organisationen angeführt von den westlichen Staaten) immer noch vorherrschen.

Das Konkurrenzdenken wie im Kapitalismus versinnbildlicht stellt die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und Prosperität dar. Er darf aber nicht als einzig notwendige Maßnahme zur Kenntnis genommen werden. In einigen Staaten auf der Erde funktioniert die Annahme des Kapitalismus nicht. In Afrika sind vorexistierende Strukturen der wirtschaftlichen Entwicklung so hinderlich, dass ein Marktradikalismus ohne weiteres nicht umgesetzt werden kann. Der Kapitalismus könnte auf unkontrollierte Weise die Zerstörung der Lebensgrundlage der arbeitenden Bevölkerung bedeuten, wenn in reichen Staaten Gewerkschaften für die Arbeiter als Machtausgleich nicht oder nur unzureichend zur Verfügung stehen. Dies ist immer häufiger in Amerika anzutreffen, weil dort gewerkschaftsgebundene Industriearbeitsplätze zugunsten geringer bezahlten nicht gewerkschaftlich organisierten Dienstleistungsjobs aufgegeben wurden. 12 Eine Welle von Deregulierungen, und erhöhten Kapitalkonzentrationen in der Hand von einigen Wenigen verstärkt den Eindruck einer zunehmend aus den Fugen geratenen Wirtschaftsordnung, welche mit gesundem Wettbewerb wenig gemeinsam hat. Einige allein schon triviale Fragen für hart arbeitende Amerikaner sind: Warum verlangen alle privaten Universitäten die gleichen Studiengebühren? Warum sind private Krankenversicherungen so teuer? Warum sind Mobiltelefonpläne so teuer? 13

Das Interessante in der wirtschaftlich-gesellschaftlichen globalen Lage ist die verstärkte Einbindung der nichtweißen Staaten wie Indien und China, die sich seit den letzten Jahrzehnten allmählich von der westlichen Übermacht zu emanzipieren begonnen haben. Beide Staaten sind extrem exportstark, nicht nur in Bezug zu Sachgütern, sondern auch Menschen. Die Menschen in Indien und China haben einen ungeheuren Leistungswillen und wollen trotz anfänglich schlechteren Karten als westliche Menschen hart daran arbeiten ihre Nachteile zu überwinden und eine erfolgreiche Karriere anzustreben, was bekanntlich die Allgemeinwirtschaft befördert. 14 Diese Handlungsbereitschaft gekoppelt mit einer guten Ausgangsposition für das Land, wie beispielsweise die hohe Bevölkerungsanzahl, entspricht natürlich dem Bild der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Konkurrenz. Hierbei ist natürlich von positiver Konkurrenz die Rede, wie zum Beispiel der Wille der Chinesen hart zu lernen, um eine Chance zu haben in einer chinesischen Universität aufgenommen zu werden (negativ wären zum Beispiel ethnisch oder religiös fundierte Kriege oder Terroranschläge). Dieses Unternehmen erweist sich als äußerst schwierig bei einer Gesamtbevölkerung von 1,3 Miliarden Menschen (!). Oft entsteht unter jungen Chinesen die hohe Erwartungshaltung, dass nur die Aufnahme an einer nationalen Eliteuniversität ausgezeichnete Berufschancen ermöglichen, während durchschnittliche Universitäten die chinesischen Studenten nur unzureichend vorbereiten. Es gibt immerhin schon viele arbeitslose Akademiker in China. Das Prinzip der numerischen Konkurrenz bestätigt, dass unter diesem großen Pool nur die besten herausselektiert werden können. Es gibt mittlerweile so viele Studienanwärter, dass rund 227,000 chinesische Studenten im Ausland studieren. 15

In den USA gibt es auch ein starkes Prinzip der Selektion an den Eliteuniversitäten, während es wiederum viele Leute gibt, die eine schlechtere Bildungsqualität genießen. In Europa sind der Massenzugang und die Leistbarkeit der tertiären Bildung die wichtigsten Prinzipien in einem kommunitarischen Gedankengang, welches dem Prinzip der Konfliktvermeidung (Beispiel Verbotsgesetz in Österreich) am ehesten entspricht. Die Erstarkung Chinas sollte nicht nur zu besseren wirtschaftlichen Anbindungen zu China für den Westen führen, sondern müsste auch zu einer verstärkten europäischen Integration führen, die als ein Elitenprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war. Der Wohlfahrtsstaat wurde nochmal neu erschaffen, um die materiellen Bedürfnisse der Bevölkerung vorbeugend zu befriedigen. Nun war Harmonie das wichtigste Gut für die Europäer, was nach zwei furchtbaren Weltkriegen als verständliche Reaktion aufgefasst werden darf. Interessanterweise galt diese Strategie der Vorsicht und der Harmonie in China bis sie von Europa kolonialisiert wurden. Der amerikanische Professor Diamond hatte erklärt, dass China trotz fortgeschrittener wirtschaftlich sozio-kultureller Entwicklung aufgrund der einheitlich riesigen Landmasse mit natürlich abgesteckten Außengrenzen (Wüste Gobi, Ostchinesiches Meer, Himalaya etc.) ein Bedürfnis nach Stabilität, Harmonie, Einheit und Stagnation hatte. Das erklärt auch warum es möglich ist, dass ein Sechstel der Weltbevölkerung aus Chinesen besteht. Das zerklüftete Landgebilde Europas hingegen, das mit zahlreichen Inseln, Halbinseln, Flüssen, Seen, Wäldern und Bergen ideale internen Begrenzungen und die Entwicklung von unterschiedlichen Ethnien, und Sprachen begünstigt hatten, beförderte das Konkurrenzdenken (welches ich zuvor bereits erwähnt habe). 16

In der heutigen Zeit kann aber angenommen werden, dass Europa sich in solch einer Lage der Passivität und Harmoniebedürfnis befindet. Der Schock von zwei Weltkriegen saß viel zu tief im Gedächtnis der Europäer. Während Amerikaner von der Freiheit der Möglichkeiten gesprochen hatten, wandten sich die Europäer der Freiheit von Not zu. Es darf nicht verwunderlich sein, dass der existierende Neid auf angeblich wohlhabendere Juden in Deutschland durch die Weltwirtschaftskrise nochmals dramatisch zugenommen hatte und im Holocaust kulminiert war. Die Vorbeugung eines solchen Hasses gespeist durch die Masse und propagiert durch einen starken Führer war das Grundziel der herrschenden Eliten Europas, denn Hitler war in der Tat eine kurzweilige Unterbrechung der etablierten Machtstrukturen, die zunächst von Adeligen getragen wurden, um von den Bürokraten- im selben Geist den Staat als Machtinstrument zur Einflussnahme auf die Bevölkerung verwendet hatten- nach dem Ersten Weltkrieg abgelöst zu werden. 17

Die neuen Machthaber machten sich also auf mit Hilfe der Amerikaner zunächst auf um die Wirtschaft zu sanieren, um anschließend den Sozialstaat aufzubauen. Es war ja auch eine Anlehnung an das sozialdemokratische New Deal Amerikas, konnte aber dank der höheren Bereitschaft der Europäer noch um einiges umfassender aussehen, als eine amerikanische Öffentlichkeit das je zu akzeptieren gedacht hätte. So ganz ohne Präzedenzfall lief das nicht ab. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte 1881 schon die Gefahr einer unzufriedenen Arbeiterschaft erkannt, und führte das deutsche Sozialversicherungssystem ein. Im großen und ganzen hatten stabile Wachstumsraten und ein großzügiger Wohlfahrtsstaat den Druck zu rechtsextremen Bewegungen als Ventil für allgemeine Unzufriedenheit praktisch ausgelöscht.18

Paradoxerweise könnte genau jene Befriedigung der Bedürfnisse der Bürger den Europäern zu Kopfe steigen, weil dadurch ein Zustand der Bequemlichkeit entsteht, der den Leistungswillen derer beträchtlich reduziert. Dies sollte kein Pauschalangriff gegen den Sozialstaat sein. Die massive Verschlechterung der Lebensumstände der Amerikaner beweist, dass ein gewisses Maß an Sozialstaat notwendig ist um destabilisierende Effekte im Land vorzubeugen. Die Amerikaner waren der Propaganda der Großunternehmen gefolgt und hatten durch dutzende von Kreditkarten und Häuserkredite einen massiven Schuldenberg angehäuft, weil ihre Jobs durch unvernünftig hohe Profite derselben Großunternehmen, die es vorzogen in Billiglohnländern anstatt in Amerika zu produzieren, kaum einen angemessen Lebensunterhalt auszahlten- Laut den Erkenntnissen der University of California sind 14 Millionen amerikanische Arbeitsplätze vom Outsourcing bedroht. 19

Aber selbst in Amerika- dem angeblichen Musterland für Konkurrenz und Wettbewerb ist einiges schief gelaufen. Der Glaube an die eigene wirtschaftliche Überlegenheit hat teilweise zu einer Trägheit in Innovation geführt, wie GM eindrucksvoll unter Beweis stellt. Firmen wie BP oder Shell hatten auch wieder einmal gezeigt wohin Raubtierkapitalismus führen kann. Sie hatten Arbeitnehmer und innovative Forschung links liegen gelassen (man erwartet sich private und weniger öffentliche Investitionen in Amerika), um ihre Profite kurzfristig zu maximieren, denn die Betonung des Kapitals zwecks Befriedigung der Aktionäre gegenüber der Arbeit (also die Lebensgrundlage der Mehrheit der Bevölkerung) stand im Mittelpunkt. Amerika hat aber immer noch die Fähigkeit zur Innovation, aber sie müsste mehr Mittel in Bildung und Forschung investieren. Dank der Eliteuniversitäten konnte die USA aber sich bisher immer mit exzellenten Forschungsergebnissen rühmen basierend auf zumeist chinesische und indische Studenten (obwohl selbst sie dem Antiterrorwahn der Amerikaner zum Opfer gefallen sind, sprich striktere Zugangsregelungen bei Studentenvisum).

In Amerika gibt es aber eine schonungslosere Vorstellung von Selektion, wo fähige Köpfe extrem wertgeschätzt werden, während die restlichen Amerikaner nur die Realisierung des Amerikanischen traumes (was ja doch eine beträchtliche Leistung ist) mit dem Besitz von materiellen Gütern als Zielsetzung betrachten, was in letzter Zeit sich durch die schlechte Wirtschaftslage und der chronischen Vernachlässigung der Arbeitnehmerschaft als außerordentlich schwierig erweisen dürfte. Ob Konkurrenz noch existiert darf ebenfalls stark in Zweifel gezogen werden (wie ich zuvor angedeutet habe). Das liegt an der Monopolstellung vieler Unternehmen im Land. Die Krankenversicherungsindustrie beispielsweise kontrolliert in Teilen des Landes den ganzen Markt, was die hohen Kosten für Krankenversicherung mitbegründet.

Zum Abschluss kommt also die Frage ob Konkurrenzdenken gut ist. Die richtige Antwort heißt wohl: kommt drauf an. Die Konkurrenz müsste positiv sein ausgedrückt in der Schaffung von Bildungschancen. Er sollte den Leuten eine faire Chance geben unabhängig von ihrer Herkunft oder Position und jene, die durchfallen sollten eine minimale Absicherung haben. Dass hierbei eine globale Initiative zur Angleichung des Spielfeldes (im Amerikanischen “level the playing field”) unbedingt notwendig ist, steht außer Zweifel, denn oft sehen wir keine faire Konkurrenz. In vielen Gesellschaften ist ein Garant für Reichtum nicht Bildung und harte Arbeit, sondern die persönliche Herkunft. Der Westen bemerkt auch auf einmal wie wichtig es ist faire Bedingungen vorzufinden. Er beschwert sich über die illegalen Raubkopien der Chinesen oder über die ungerechte Unterbewertung des Renminbi. Gleichzeitig erkennt man, dass ausgerechnet die chinesische Wirtschaft viermal schneller wächst als die westliche. Es war ausgerechnet der Westen. der durch die unfaire Übermacht gegenüber den Kolonialstaaten aber der relativ fairen Beziehung gegenüber anderen westlichen Mächten angeleitet, den Fortschritt Chinas ermöglicht hat.

Was die Zukunft weisen wird, wird sich erst zeigen.

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Anmerkungen

1 Diamond, Jared. Guns, Germs and Steel: The Fates of Human Societies. 1st edition. W.W. Norton & Company, 1997. Print.
2 “The Fertile Crescent.” VISAV MAIN PAGE. Web. 12 Sept. 2010. <http://visav.phys.uvic.ca/~babul/AstroCourses/P303/mesopotamia.html>3 In dieser Auffassung handelte es sich um den Höfischen Absolutismus unter König Ludwig XIV. “L’Etat c’est moi.” (“Der Staat bin ich.”)
“Absolutismus.” Wikipedia Die Freie Enzyklopädie. Web. 12 Sept. 2010. <http://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus#H.C3.B6fischer_Absolutismus&gt4 Hierbei empfehle ich die Lektüre des ehemaligen US- Außenministers und Harvard Professor Henry Kissinger, der eindrücklich die Geschichte der westlichen Diplomatie seit dem 17. Jahrhundert beschreibt. Die europäischen Mächte besonders in Folge des Wiener Kongress setzten auf den Mächteausgleich zur Beibehaltung der inneren Stabilität. Kissinger, Henry. Diplomacy. New York: Simon & Schuster, 1994. Print.
5 Marx, Karl, Friedrich Engels, Samuel Moore, and Karl Marx. “Capital”. Chicago: Encyclopædia Britannica, 1955. Print.
6 Ich verweise auch auf meinen im Juni 2010 verfassten Artikel über meine Erfahrungen in Amerika, “Eine Abhandlung Über Amerika”, 21. Juni, 2010. Ich beschrieb ausführlich die Methoden der Ablenkung, um die Machthaber in höchstmöglicher Legitimität zu halten, in dem der Rest der Bevölkerung unwissentlich unterdrückt wird. Es handelt sich natürlich um keinen sehr originellen Gedanken, denn linke Intellektuelle wie George Orwell haben diese Erklärung gerne verwendet. Man denke nur an ‘Animal Farm’, der von der totalitären Inanspruchnahme der Macht durch die Schweine, die für die sowjetischen Parteiführer stehen, zu Lasten der gesamten Bauernhofbevölkerung handelt. Orwell, George. Animal Farm;. New York: Harcourt, Brace, 1954. Print.
7 Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre die USA immer noch isolationistisch und hätte einer industriellen Allmacht mit ihren begehrten kulturellen Begleiterscheinungen- siehe Hollywood und Fastfood- garantiert keinen Vorschub geleistet. Die Sowjetunion hätte keine hinreichende Rechtfertigung für eine Westexpansion bestehend aus der Annexion Osteuropas gefunden bzw. die Macht dazu gehabt. Historische was-wäre-wenn Fragen sind natürlich schwierig abzuschätzen, und ich könnte hierbei vollkommen falsch liegen.
8 Fukuyama, Francis. The End of History and The Last Man. Harper Perennial, 1993. Print.
9 Ehringfeld, Klaus. “Kuba Entlässt 500 000 Beamte.” Handelsblatt. 15 Sept. 2010. Web. 16 Sept. 2010. <http://www.handelsblatt.com/politik/international/reformen-kuba-entlaesst-500-000-beamte;2655607>.
10 Eine interessante Beschreibung von drei Gefühlen, die die Weltpolitik dominieren, kommt vom Politikwissenschaftler Dominique Moisi. Moïsi, Dominique. The Geopolitics of Emotion: How Cultures of Fear, Humiliation, and Hope Are Reshaping the World. New York: Doubleday, 2009. Print.
11 Laut dem Journalisten Fareed Zakaria liegt dieser Hass an den depotischen Ölscheichs und der fehlgeschlagenen Modernisierung der 1970er Jahre, Stichwort: Pan-Arabismus. Fareed Zakaria. “The Politics Of Rage: Why Do They Hate Us?” Newsweek. 15 Oct. 2001. Web. 16 Sept. 2010. <http://www.newsweek.com/2001/10/14/the-politics-of-rage-why-do-they-hate-us.html>.
12 Ein Bericht bestätigt, dass während in den 1950er Jahren noch 30% der US-Arbeiter Gewerkschaftsmitglieder waren, sind es im Jahr 2003 nur mehr etwa 13%. Stewart, G. Robert. “Status of Labor Unions.” Center of Concern. 2008. Web. 17 Sept. 2010. <http://www.coc.org/system/files/unions.pdf>; Es sollte hierbei jedoch angemerkt werden, dass selbst eine Transformation von einer Industrie zu einer reinen Dienstleistungsgesellschaft, wie sie vor allem in den USA und Großbritannien vorangetrieben wurde, wäre noch lange nicht so schadhaft, wenn jene flexiblen, nicht an Ort gebundenen Dienstleistungsberufe eine bessere gewerkschaftliche Organisation zustande bringen würden, um die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten.
13 Das sind ein paar der Fragen, die sich auch John R. Talbott in seinem Obama-freundlichen Buch beschreibt. Das Sentiment vieler Amerikaner schwenkt negativ um, wenn es um Kartelle geht, die die Preise künstlich über dem Marktwert halten, um Profite zu maximieren und die hilflosen Bürger rücksichtslos auszunehmen. Talbott, John R. Obamanomics: How Bottom-up Economic Prosperity Will Replace Trickle-down Economics. New York: Seven Stories, 2008. Print.
14 Eine sehr hellsichtige Analyse zur Welt nach Amerika, das schon bald von Indien und China massiv mit beeinflusst sein wird, kommt von Fareed Zakaria. Zakaria, Fareed. The Post-American World. New York: W.W. Norton, 2008. Print.
15 “Chinese Teens Compete for Entry to Elite Schools.” Asian Correspondent. Associated Press, 08 June 2010. Web. 18 Sept. 2010. <http://asiancorrespondent.com/breakingnews/chinese-teens-compete-for-entry-to-.htm>.
16 Diamond, Jared. Guns, Germs and Steel: The Fates of Human Societies. 1st edition. W.W. Norton & Company, 1997. Print.
17 Die These vom neoliberalen Ökonomen Friedrich Hayek weicht ab von meiner Annahme. Er hält Hitler für ein direktes Produkt des staatssozialistischen Zeitgeistes, der bis in die 1930er Jahre angedauert hatte. Das Konzept des starken Staates, das für linke Ideologen aus der Stärkung von Arbeiterinteressen instrumentalisiert werden sollte, ist für den Liberalismus verliebten Hayek Grund genug um linke Sozialisten mit rechtsradikalen Nationalsozialisten zu verwechseln. Letzterer mochte zwar ebenfalls intensiv vom Staat Gebrauch zu machen, jedoch nicht zur Erfüllung elementarer Bedürfnisse von Arbeitern, sondern zur Vernichtung von Andersdenkenden und Andersaussehenden. Das sind doch zwei total verschiedene Ziele! Hayek, Friedrich August, and Bruce J. . Caldwell. The Road to Serfdom Texts and Documents. Chicago (Ill.): University of Chicago, 2007. Print.
18 Obwohl diese Aussage stimmt, gibt es aufgrund der verstärkt instabilen sozialen Situation im Zuge der neoliberalen Wirtschaftsweise mehr Nationalismus in Europa. Butterwegge, Christoph. “Neoliberalismus Und Standortnationalismus – Eine Gefahr Für Die Demokratie?” Politik-poker.de- Gedanken Zur Politik Von Morgen. 9 Aug. 2006. Web. 22 Sept. 2010. <http://www.politik-poker.de/neoliberalismus-und-standortnationalismus-eine-gefahr-fuer-die-demokratie.php>.
19 ” A ferocious new wave of outsourcing of white-collar jobs is sweeping the United States, according to a new study published by University of California, Berkeley, researchers, who say the trend could leave as many as 14 million service jobs in the United States vulnerable.” Zitiert von “UC Berkeley Study Assesses Potential Impacts of “second Wave” of Outsourcing Jobs from U.S.” Haas School of Business, University of California Berkeley 29 Oct. 2003. Web. 22 Sept. 2010. <http://www.haas.berkeley.edu/news/20031029_outsourcing.html>.

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