Ein Bundeskanzler geht

Als dann also klar wurde, dass der Nationalrat aufgelöst wird, war auch das Schicksal des kürzestdienenden Bundeskanzlers der Zweiten Republik besiedelt. Er wurde zuletzt scharf von vielen kritisiert. In einem Kleine-Zeitung-Interview sprach er davon, dass "der Grabstein freundlicher sei, als die Nachrede." (1.) Es war die schiere Unzufriedenheit der Parteibasis, die zu dieser Entscheidung geführt hat. Die Landespolitiker demontierten mit bekräftigender Hilfe der Medien den Parteivorsitzenden, woraufhin sich Gusenbauer von der Parteispitze absetzte, um Faymann den Weg frei zu machen. Daraufhin erfolgte der Rücktritt als Bundeskanzler. Er sieht die Sache jetzt entspannter, wie man das in zahlreichen Interviews nachlesen kann. In diesen gibt er sich äußerst reumütig, selbstkritisch, zugleich aber realistisch. Der Falter-Chefredakteur Thurnher, der ein persönliches Interviewbuch mit Gusenbauer verfasste, schlug enorm milde Töne an und verteidigte den Bundeskanzler vor ungerechtfertigter Kritik vor dem Boulevard. (2.)
Wie ich mehrfach angeführt habe, scheint die Große Koalition- Gusenbauers Regierung- wenig spektakuläres zustande gebracht, weil die machtverwöhnte ÖVP unwillens war ihre veraltete Politik zu revidieren- im Interesse der Menschen. (3.) Wahrheit und Anspruch widersprechen sich im Falle Gusenbauers. Man kann nur hoffen, dass sein zweiter Lebensabschnitt glücklicher verlaufen wird.
Interessant bleibt weiterhin die Frage, um wen es sich bei der Person Alfred Gusenbauer handelt. Biographien gibt es offenbar viele zu lesen, aber ich umreiße dennoch seine Vita: Geboren ist Gusenbauer am 8.2.1960 in St. Pölten. Er wuchs in Ybbs, Niederösterreich auf. Dort besuchte er auch die Volkschule. Gusenbauer war bei einer Rede seines großen Vorbilds Bruno Kreisky dabei. Er wurde von seinem Volksschuldirektor zum Gymnasium empfohlen, die er in Wieselburg besuchte. Er wurde auch Schulsprecher. In Wien studierte er Rechtswissenschaften und wendete sich später Politikwissenschaften und Philosophie zu. 1987 beendete er sein neunjähriges Studium (freilich zahlte er keine Studiengebühren) mit seiner Dissertation ("Die österreichische Friedensbewegung"). Noch während seiner Schulzeit im Jahr 1977 trat er der Sozialistischen Jugend bei, wo er die heutigen Spitzenpolitiker Bures, Darabos, Buchinger und Faymann kennen lernte (ein "Netzwerk" entstand). 1980 wurde er zum niederösterreichischen Verbandsvorstand der SJ berufen. Er wurde Verbandssekretär und trat 1981 der SPÖ als Angestellter (Schriftführer) bei. Von 1984 bis 1990 war er Bundesobmann der SJ. Von 1985-1989 war er Vizepräsident der Sozialistischen Jugendinternationale und 1989 Vizepräsident der Sozialistischen Internationale. 1990 wurde Gusenbauer Bezirksparteivorsitzender der SPÖ Melk und ist seit 1991 Stadtparteivorsitzender der SPÖ Ybbs. Zugleich ist er Angestellter der Arbeiterkammer (1990 bis 1999), Landesoparteivorstandsmitglied der SPÖ-Niederösterreich (ab 1991) und Landesparteipräsidiumsmitglied (ab 1991). Seine aktive politische Karriere begann als Bundesratsabgeordneter (1991 bis 1993). Gusenbauer wurde Nationalratsabgeordneter (1993 bis 2007), SPÖ-NÖ-Landesgeschäftsführer (1999 bis 2000), Bundesgeschäftsführer (2000) und schließlich Bundesparteivorsitzender (2000-2008). Er galt als Komprommisskandidat der gespaltenen Sozialdemokratie. Er sanierte die Parteifinanzen und schaffte 2002 ein respektables Wahlergebnis. Die Regierungsverhandlungen mit der ÖVP blieben erfolglos, dafür steigerte die SPÖ ihren Stimmenanteil in vielen folgenden Wahlen (Bundespräsidentenwahlen, Landtagswahlen in den schwarzen Kernländern Steiermark und Salzburg mit Gewinn der Landeshauptmänner). Die Nationalratswahlen 2006 brachten den unerwarteten Sieg der SPÖ. Eine Große Koalition wurde unter ungünstigen Vorzeichen am 11. Jänner 2007 angelobt. Die versprochene Abschaffung der Studiengebühren oder die Eurofighterabstellung konnten nicht eingehalten werden. Gusenbauer wird als umstrittener Kanzler sein Amt verlassen, im Nachhinein war sein Wirken doch nicht umsonst. Gusenbauer hat das Kanzleramt für die SPÖ zurückerobert. (4.)
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Ich zitiere: Gusenbauer ist in einer politischen Weise sozialisiert, die einer anderen Epoche anzugehören scheint. Er bezieht sich auf Theoretiker der Sozialdemokratie (Max Adler) und auf Verhaltens- und Denkweisen, die dem politmedialen Spaßtross zutiefst fremd vorkommen. Wenn der den Feind wittert, nützt aller Pragmatismus nichts.
Es gibt das Interviewbuch "Die Wege entstehen im Gehen". http://www.czernin-verlag.com/czerninverlag/bookshow.xml?id=492
(3.) In der Kleinen Zeitung heißt es weiters:
KZ: Woran sind Sie gescheitert?
Gusenbauer: Es war ein Problem, dass im Regierungsübereinkommen symbolische Fragen nicht hundertprozentig durchsetzbar waren. Mit dem Wahlsieg hatte niemand gerechnet und dann hatte man die Illusion, wir hätten jetzt die absolute Mehrheit.
(4.) Zu Gusenbauers Biographien:
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