Das Wetter

Das Wetter prägt einen doch gewaltig, oder nicht? Das Wetter ist ein Thema, worin sich jeder entfalten kann. Romane sind geprägt vom Wetter, obwohl es zu meist keine Auswirkungen auf die Handlung haben. Obwohl jeder sich auf die ZAMG-Angaben verlassen muss, kann man sehr gut darüber konversieren. Schließlich wird man am Tag permanent mit dem Wetter bombadiert. Es hat eine Kontinuität. Im Gegensatz zu anderen Erscheinungen-also Nachrichten- bleibt das Wetter verlässlich. Nicht unbedingt weil das Wetter außergewöhnlich ist für eine gewisse Zeitperiode. Der Klimawandel hat Konjunktur. Wohl eher weil die Wetterkarten immer die gleichen sind, man weiß genau es kann nur Niederschlag, Sonne, Schnee, Schneeregen, Bewölkung (u.Ä) geben. Also gibt es eine Regel für den Wetterbericht. Denken wir an die Wetterberichterstatter: zunächst wird eine Europakarte über das Wetter gezeigt, dann kommt das Österreichbild und die Wetteraussichten für diesen anschließend für den kommenden Tag und dann die Drei-Tage-Prognose.
Das Wetter beruht wie gesagt auf Kontinuität. Es sorgt dafür, dass zwei Menschen, die sich nicht kennen, sich treffen und dann ein Thema finden müssen um sich auszutauschen, ein Thema haben. Ein relativ warmer Herbst, oder?- Ja, unheimlich. Ich glaube ich hätte ohne Jacke rausgehen sollen.- Ich auch. Und schon kann es so weiter gehen, außer die zwei Menschen verfallen wiederum in ein verlegenes Schweigen. Man denkt nach. Das ist letztlich immer gut. Aber in diesem einen Moment vermutlich unangenehm.
Schaut man sich die Nachrichten vielleicht nur an, um das Wetter zu sehen? Die Welt ist jedenfalls ein äußerst komplexes Gebilde. Wenn man schon nicht in Wirtshaus-Manier verfällt, wo man beispielsweise seine vorurteilsbehafteten, fremdenfeindlichen Parolen mit Bier und Schweinsstelze von sich gibt, dann kann man zumindest so ehrlich sein und zugeben die Welt ist so verdammt kompliziert. Auch ich hülle mich dann in Schweigen, wenn es dann doch zu differenziert wird. Wissen sammeln und dann die Meinung bilden, argumentiert die ZIB-Moderatorin Thurnher vor Schülern in der ORF-Kampagne. Ja, wenn’s immer nur so einfach wäre! Aber das Wetter offeriert einem die Möglichkeit auch nicht viel von Politik oder Wirtschaft zu verstehen. Immerhin lebt jeder auf dieser Welt. Ein wunderschöner Sommertag in Wien- sprich blauer Himmel, keine Wolken- unterscheidet sich optisch nicht von einem Anblick am sonnigen Strand Kaliforniens. Mentalitäten und Sprachen unterscheiden sich, sogar das Klima, aber es gibt zumindest die Möglichkeit, dass das Wetter zu einem gewissen Zeitpunkt gleich ist. Wenn man nicht gerade im Untergrund, in einer Höhle lebt (und das tun garantiert nur ganz wenige), dann kann sich jeder über das Wetter verständigen.
Ein Telefongespräch findet statt. Beide Gesprächspartner sind tausende Kilometer voneinander entfernt. Ich rede ja von zwei Geschäftsleuten. Sie müssen eine Vereinbarung treffen. Das ist Kapitalismus. Das ist Globalisierung. So geht das. Der eine schlürft Espresso in einem Mailänder Lokal und liest sich gerade die New York Times durch. Der andere sitzt in einem Zug im permanent überlasteten und überfüllten Tokioter U-Bahn-Netzwerk. Selbstverständlich reden die Geschäftsmänner um- no na- das Geschäft. Aber das kann nicht mehr als zehn Minuten dauern. Die Differenzen sind überbrückt. Jetzt wollen sich die beiden Männer (leider keine Frauen, ich berufe mich auf den Mainstream…) sich näher kennen lernen. Sie kennen sich erst seit drei Wochen und haben sich erst einmal in einer Konferenz in Paris getroffen. Sie reden über Kultur, Kulinarik, Politik, Sport, Wirtschaft und natürlich über das Wetter (Ich gehe im übrigen davon aus, dass der in Mailand befindliche Herr ein US-Amerikaner aus Maryland und der in Tokio befindliche Herr ein chinesischer Selfmademan abstammend aus einer Bergregion Chinas ist.). Jeder der beiden kann darüber lang und breit berichten. Man lebt sich in den Wetterbedingungen ein. Obwohl die beiden genannten geschäftsmänner nur für kurze Zeit in ihrer Heimat sind, erinnern sie sich dennoch zumindest an ihre Kindheit. Das Wetter mag dabei nur kurzfristig gelten, langfristig zählt das Klima. Beide Gesprächspartner geben stereotype Kommentare ab. Ja, es sei schrecklich wenn der Himmel bedeckt ist. Der Amerikaner schaut kurz Richtung Mailänder Himmel und kneift die Augen zusammen. Die verdammte Sonne, weiß er auf amerikanischem Akzent zu berichten. Der Chinese kann das freilich nachvollziehen und nickt mit einem unübersetzbaren Laut. Dann geht man nochmal die Börsedaten durch und freut sich auf den Zuwachs ihrer beiden kooperierenden Untenehmen. Und dann wünscht man sich einen schönen Tag und verabschiedet sich anschließend. Zwei verschiedene Kulturen, aber ein vereinendes Thema! Wie schön!
Das Wetter eint und stiftet bei allen Verständnis.
Ich habe mehr erfunden als notwendig, aber das Wetter bleibt das Wetter. Was sonst kann ich fragen wenn nicht: Wie findest du das Wetter?
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