Gutmenschen- Berechtigte Kritik oder Ausrede?

Ich höre hin und wieder wie einige Leute laut Gutmensch schimpfen, wenn jemand die herrschenden Umstände kritisiert und moralische Begründung anstatt argumentativ-analytischem Denken verwenden (1.) . Selbst mir wurde in einem politischen Forum vorgeworfen ein Gutmensch sein. Ob das nun stimmt oder nicht, kann ich ohne weiteres nicht bewerten. Trotzdem füge ich hinzu, dass diese Person, die dies äußerte schon zu mehreren Personen sagte. Jedesmal wenn ihr die Argumente fehlten, wurde der Begriff Gutmensch artikuliert.
Tatsächlich stehen die Gutmenschen vor einer negativen Position was die Konfrontation mit den Vorwurf-Aussprechenden betrifft. Ich behaupte auch, dass sich die Vorwerfenden vor einer kritischen Reflexion des Themas fürchten und daher stark daran interessiert sind der Diskussion auszuweichen, obwohl gerade das der unmittelbare Vorwurf bzw. Charakterisation eines Gutmenschen ist. Genau wie beim Thema ‘Verschwörung’. Ich konstruiere ein Beispiel: Ein Journalist findet nachrichtendienstliche Informationen heraus und gibt sie der Öffentlichkeit preis. Was soll diese nun glauben? Der Journalist wird weiter hinter seiner Theorie festhalten und nach weiteren Beweisen suchen, während der Nachrichtendienst eine sehr defensive Position einnehmen muss. Daher wird er von Verschwörung sprechen. Wenn das Echo des Journalisten nicht so laut ist und die Sache noch nicht ausgetreten ist, wird dieser Vorwurf gegen den Journalisten ein Erfolg. Die Diskussion wurde vermieden, obwohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Vermutungen stimmen.
Doch zu unrecht darf man das Gutmenschentum auch nicht verteidigen. Wirkliche Gutmenschen- das kann ich aufgrund meiner bescheidenen Lebenserfahrung noch nicht finden und habe diesbezüglich noch keine Unterstellungen gemacht, weil ich mich erst jetzt mit dem Thema auseinandersetze- gilt es zu entlarven. Sie ignorieren komplexe Systeme und reden sich durch Moral, Propaganda und eigener Überlegenheit heraus. Die Kritiker der Gutmenschen gehen sogar noch einen Schritt weiter: Gutmenschen seien in einem Kreuzzug unterwegs und machen die anderen fertig ohne einen Funken Verständnis zu versprühen. Die alleinige Wahrheit gilt es in der Öffentlichkeit zu zementieren. Auch von Weltverbesserern ist die Rede.
Oder wird doch nur die Diskussion vermieden und die eigene Unkenntnis seitens der Vorwerfenden verdrängt? Ich würde den Begriff ‘Gutmensch’ daher nur in aller Vorsicht äußern.
Ein prominenter Vorwurf geht sicherlich in Richtung der Bush-Kritiker. Nachdem Kritik am US-Präsidenten Hochkunjunktur hat, solange er im Amt ist, kontern die Kritiker der Bush-Kritiker, indem sie argumentieren, dass den Gutmenschen damit Möglichkeiten eröffnet werden ein Thema zum schreiben zu haben. Die Sündenbock-Suche und Selbstprofilierung gehört schließlich auch zum Gutmenschen-Merkmal. Sind die Vorwerfenden letztlich also Befürworter Bushs? Die wahre Absicht kann jedenfalls geschickt verschleiert werden.
Auch die politische Korrektheit, auf Englisch political correctness, etablierte sich, ohne jedoch vom Begriff ‘Gutmenschen’ getrennt werden zu können. Die nerven doch diese Leute, mag der Chor sein, wenn von Zeigefinger-Leuten wieder einmal rassistische und sexistiche Aussagen kritisiert werden. Wenn man in diesem fall ein Gutmensch ist, dann muss ich ehrlich sagen, dass ich gerne einer bin. Daher zurecht die Frage: Sind wir alle Gutmenschen? Schließlich kann man das nicht ganz verhehlen. Obwohl ich mich zu diesem Thema nicht wirklich lupenrein auskenne, schließe ich dennoch die Interpretation, dass jeder irgendwie ein Gutmensch ist, sodass die Vorwerfenden de facto selber entwaffnet werden, ohne dies selber zu wissen. Eltern, Lehrer oder Politiker liefern gerne perfekte Beispiele dafür einen moralischen Anspruch zu haben. Nicht nur die, alle! Wenn aber nun alle davon betroffen sind: Warum wird dieser abwertende Begriff dann so häufig gewählt? Warum habe ich bis auf diese eine Person im Forum noch nie etwas von diesem Begriff gehört? Weil sie keiner verwendet, nicht nur wegen meinem Alter. Daher kommt auch wiederum meine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber Wortdrescherei.
Um noch einmal ins Politische zu gehen: Rechte Parteien kritisieren Linke Politiker und Gesinnungsgenossen gerne mit dem Gutmenschentum. (2.) Bin ich als deklarierter Linker nun auch ein Gutmensch, weil ich es moralisch für sinnvoll halte die soziale Gerechtigkeit-laut Menschenbild an sich eine Utopie, weil es kein Musterbeispiel dafür gibt- zu verwirklichen? Sind die Klimafreunde, die in Österrreich drittstärkste Partei wurden, gnadenlose Populisten, die die Wähler falsch verzaubert haben? Wohl kaum. Wohl eher müssen die konservativ-bürgerlichen weiter Stimmenverluste rechtfertigen. Wie geht das besser als die "Anderen", also die Linken, die Schuld zu geben. Kommen wir nochmal zurück: Konservative behaupten, dass die Linken durch die Überzeugung der Realisierung einer gesellschaftlichen Utopie die Gedanken verlieren, um sich auf das wesentliche, nämlich die Realpolitik zu konzentrieren. Das ist natürlich kompetter Unsinn. SPÖ und Grüne stelen ein Paradigma dar, dass sie hauptsächlich auf Realpolitik konzentriert sind und abseits des politisch-ideologischen Scharmützels realpolitisch sich nicht sonderlich stark von rechten Regierungen unterscheiden. Bei den Scharmützeln geht es wohl eher um provozierte Öffentlichkeit, um die Wahlstimmen auf sich zu maximieren. Und damit geht’s auch direkt zur Kritik an die Rechten, die die Gutmenschen zu ihrem Credo ernannt haben (um vielleicht von eigenen Problemen abzulenken): Sind es nicht auch die Natiolisten, die ebenfalls von einer Utopie nationaler Identität sprechen und dadurch völlig der Realpolitik den Rücken zukehren? Ist es nicht auch wichtig gesellschaftliche Modernisierungen anzustreben, wie das die ÖVP-Perspektivengruppe versucht, die nichts mit Utopie zu tun haben, sondern mit Anpassungsvorgängen?
Das was neben der teilweise berechtigten Kritik gegen die Gutmenschen als wichtig betrachtet wird, ist ihr eigener, mitunter versteckter Ansprch auf die absolute Wahrheit. Das schaffen die Vorwerfenden nämlich dann wenn die Öffentlichkeit eben diesen recht geben. dann können sie sich- wenn sie geschickt sind, fällt das auch keinem auf- als Gutmenschen zur Weltverbesserung aufraffen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich nun die Gutmenschen-Schreier entwaffnet habe, vermutlich nicht. Das war auch nicht meine primäre Absicht. Es geht darum zu hinterfragen was hinter Gutmenschen steckt, meiner Auffassung nach die Anti-Verschwörungstheoretiker. Theorien und Hypotesen, Aufsätze, Bücher und Artikel gibt es zur Genüge- ich habe mich mit dem Thema aber genau genug befasst.
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