Die Mediendemokratie und der Boulevardjournalismus.

Der linksliberale Publizist und Falter-Chefredaktuer Armin Thurnher hatte 1999 ein Buch veröffentlicht- Das Trauma ein Leben- Österreichische Einzelheiten (1.), welches ich zum Teil schon gelesen habe. Interessant ist wie er überzeugt die Kronenzeitung kritisiert. Dieses Boulevardblatt ist für ausländisches Verständnis kaum begreiflich. Ressentiments gegen klassische Sündenböcke wie Ausländer, Künstler, Bonzen, Politiker und "die da oben" werden geschürt, um dem Österreicher ein klares Bild von der Welt im scheinbar möglichen isolierten Nationalstaat (Stichwort: EU-Skepsis) zu liefern. Herausgeber Hans Dichand garantiert die Mehrheit Rechts-der-Mitte. Beispiel werden ja genug geliefert. Ein wichtiges Instrumentarium sind die Kampagnen, die Haider und Schüssel an die Macht gebracht haben. Sozialdemokraten wie Olah haben der Krone 1959 geholfen. Heute scheint Dichands Boulevardzeitung Sozialdemokratie vorzugeben, nachdem die veröffentlichten Leserbriefe (übrigens wenig verwunderlich Krone-Mainstream) einhellig gegen Ungerechtigkeit schimpfen. Bemerkenswert ist die traurige feststellung, dass jeder Politiker vom Wohlwollen dieser Zeitung abhängt. Das ist die österreichische Mediendemokratie. In einem nachträglichen Thurnher-Interview im Jahr 2000 begründete der Publizist eindrucksvoll die Begründung für die dominierende Marktstellung der Kronenzeitung (2.), indem er die österreichische Kaiser-Untertanen-Gesellschaft im Vergleich zur Schweizer Gesellschaft stellte. Außerdem erläutert er den Mythos über die österreichische Unschuld nach dem Zweiten Weltkrieg (Stichwort: Moskauer Deklaration). Auch die gesellschaftliche Entwicklung zum Übergang von einer Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft hat sich von anderen insutrialierten Staaten unterschieden.
Ein anderes Beleg für den lupenreinen Boulevardjournalismus ist die populistische Marktmache. Man versucht so opportun wie möglich zu reagieren- immer das was die Leserschaft haben möchte. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass die Leser selbstbestimmt und aufgeklärt wären. Im Gegenteil: Sie werden durch die Kampagnen sogar sehr stark beeinflusst. Trotzdem kann der Leser das natürlich nicht durchschauen und ist die entmündigte Basis (Stichwort: Habsburgerzeit-schließlich ist die österreichische Gesellschaft eine tendenziell bückende-obrigkeitsgetreue), die die Kronenzeitung für ihre Schlagzeilen braucht. Um den Leser an sich zu binden braucht man auch entsprechende Mechanismen. In einem Kapitel schreibt Thurnher von Tieren, Kindern und Mädchen, die als Seelenschmeichler für die Zwecke dieser Zeitung instrumentalisiert werden. "Mitleid als zynisches Kalkül mit den Gefühlen der Leserschaft", beschreibt der Publizist. Gebildete Politiker durchschauen das Ganze, aber was soll man machen, wenn die eigene Macht an der Krone (und freilich auch am ORF) abhängt?
Die Kampagnen habe ich ja anfangs erwähnt. Geradezu grotesk xenophob und fremdenfeindlich gilt das Beispiel von Omofuma, ein nigerianischer Asylwerber, der bei einem Flug nach Bulgarien von der Polizei am Sitz gefesselt erstickt wurde. Ob "Versehen" oder nicht sei mal dahingestellt. Interessant ist ja nur die Tatsache, dass die Kronenzeitung sich nicht weiter mit den Umständen des Mordes auseinandersetzte, sondern die Unordnungsmäßigkeit seines Aufenthaltes titelte. Daraufhin wurde weiter darüber berichtet: Omofuma sei Drogendealer gewesen. Er wäre Mörder von Kindern gewesen.- Völliger Unsinn, selbstverständlich. Dass er Todesqualen erlebt haben könne oder dass die Polizei klares Fehlverhalten aufgewiesen habe, interessierte das Boulevardblatt offenbar nicht. Vielmerh musste man Vorurteile gegen Nigerianer schüren. Folge war die Verschärfung der Asylgesetze von Innenminister Schlöger. (3.)
Man könnte die Beschwerdeliste ewig weiterführen, aber da müssen schon wahre Kenner ran. Ich kann nur hoffen, dass allmählich diese Medienstruktur, das die Demokratie maßgeblich beeinflusst, aufgebrochen wird. Der Erfolg darf natürlich bezweifelt werden. Die Medien beeinflussen unsere politische Meinung wie noch nie. Wieso sollte also eine marktdominierende Zeitung, die sich nicht einmal vor Anklagen fürchtet (weil sie eh so viel geld erwirtschaften um sich "freikaufen" zu können), ihre Hegemonie plötzlich aufgeben?
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2 Responses to Die Mediendemokratie und der Boulevardjournalismus.

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